Hochsensibel im Außendienst Frau S. im Interview mit Ronald Lengyel

Coaching Lounge 3 klein In Ihrer ehemaligen Tätigkeit als Außendienstmitarbeiterin in ganz Österreich waren Sie wahrscheinlich vielen unterschiedlichen Reizen ausgesetzt. Welche waren für Sie angenehm und welche haben eine innerliche Unruhe ausgelöst?   „Im Grunde trägt die Tätigkeit im Außendienst dazu bei, dass alle Sinnesorgane überreizt werden. Was mir persönlich sehr zu schaffen gemacht hat, waren die verschiedenen Lichtverhältnisse beim Autofahren. Ich fuhr manchmal mit zwei verschiedenen Sonnenbrillen – von einer starken bis zu einer schwachen Tönung, da ich bei stundenlangen Autofahrten Kopfschmerzen bekommen habe. Die schlechte Luft (insbesonderes bei Hitze und langen Tunnelfahrten) hat ihr Weiteres dazu beigetragen, dass ich oft mit Übelkeit zu kämpfen hatte. Ich muss dazu sagen, dass ich Autofahren liebe und ich grundsätzlich einen Zustand der absoluten Entspannung erlebe. Beim Autofahren hatte ich schon oft die kreativsten Ideen.  In meiner ehemaligen Tätigkeit war ich an Termine gebunden – die im Laufe der Zeit immer dichter gelegt werden mussten – und die damit verbundene Ungewissheit – ob man auch pünktlich und sicher beim Kunden ankommt, ist mit einer gewissen Anspannung verbunden. Das hat sich dahingehend ausgewirkt, dass ich ständig „auf der Flucht“ war – das wurde mir allerdings erst immer dann bewusst, wenn ich mich wieder entspannen konnte. Diese Anspannung hat dazu geführt, dass ich sehr flach geatmet habe – das hört sich jetzt vielleicht für jemanden der nicht hochsensibel ist, witzig an, doch wenn man über Tage hindurch flach atmet,  erzeugt das Verspannungen im ganzen Körper. Ich könnte jetzt die Liste beinahe endlos fortführen, doch ich möchte Ihre Leser nicht überstrapazieren. (lacht) Um mit einem positiven Eindruck diese Frage abzuschließen, möchte ich noch anfügen, dass es auch im Außendienst möglich ist, sich seine „Rückzugsorte“ zu schaffen. Ich hatte mir angewöhnt, bei langen Anreisen wie z.B. nach Vorarlberg mein eigenes „Jausensackerl“ mitzunehmen. Wenn ich dann eine Stelle gefunden habe dir mir geeignet erschien – blieb ich stehen und habe in Ruhe mitten in der Natur – alleine – mein Essen genossen. So kam es, dass ich an den entlegensten Punkten Österreichs – wie z.B. hoch oben am Arlberg oder am Packsattel – bereits meine Brotkrümeln hinterlassen habe. Ich habe mir bewusst solche Momente geschaffen um auftanken zu können.“  
  • Wie sieht ein angenehmes und attraktives Arbeitsumfeld für hochsensible Außendienst Mitarbeiter aus? Gibt es Aspekte, die ganz besonders bedeutungsvoll sind?
„Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich an mich denke, so war es nicht der Außendienst als solches der mich belastet hat, sondern der Zusammenhang zwischen Zeit- und Leistungsdruck kombiniert mit den diversen Reizüberflutungen. Um diesen Druck aushalten zu können, bedarf es einer persönlichen mentalen Stärke und eines harmonischen Arbeitsklimas. Ein Aspekt ist sicherlich sehr wichtig: die Mitarbeiter müssen die Gelegenheit haben in Hotels absteigen zu können, die einen gewissen Komfort bieten. Damit meine ich jetzt keinen Luxus im Sinne von übersteigerten Ansprüchen. Für mich z.B. war es sehr wichtig in einem ruhigen Hotel schlafen zu können und wo ich am Zimmer frühstücken konnte. Da kommt wieder dieses starke Rückzugsbedürfnis zum Tragen. Absolute Sauberkeit und eine gute Atmosphäre waren weitere wichtige Aspekte für mich.  Die Realität im Außendienst ist allerdings die, dass nach einem langen Arbeitstag noch die administrative Arbeit im Hotel erledigt werden muss –  inklusive Telefonate mit den Kollegen und/oder Führungskräften. Ich kann jetzt nicht von meinem ehemaligen Unternehmen auf alle andere rückschließen, doch es sollte dafür gesorgt werden, dass ein Feierabend auch wirklich ein Feierabend ist, d.h. dass das Hotelzimmer einen Rückzug bietet um abschalten zu können.  Ein Tipp der vielleicht auch anderen hilft:  Ich habe versucht immer im gleichen Hotel das gleiche Zimmer zu bekommen. Das hat so etwas von einem bisserl „nach Hause“ kommen.  Das Unternehmen kann als solches für eine Attraktivität sorgen, dass sie die Privatsphäre ihrer Mitarbeiter respektiert. Damit meine ich, dass nicht erwartet wird, dass man auch am Abend – jederzeit und überall – am Handy erreichbar ist und zu unmöglichen Zeiten noch dazu „verdonnert“ wird,  Reports zu schreiben, die ohnehin von keinem im Innendienst am nächsten Tag vor 12h gelesen werden.“
  • Dieser Job beinhaltet ständig mit neuen Menschen zusammen zu kommen.Wie geht man damit als hochsensibler Mensch bestmöglich um?
„An dieser Stelle ist die Hochsensibilität Fluch und Segen zugleich. Weshalb? Der Segen ist, dass aufgrund dieser ausgeprägten Sensibilität ein hoher Empathie-Faktor – wie ein „Seismograph“ -dafür sorgt, dass man sich beinahe mühelos an Menschen und Situationen anpassen kann. Ich habe immer gespürt welche Stimmung gerade (vor)herrscht und wie ich mich am besten verhalten soll um mich sozusagen „lautlos“ zu integrieren – sowohl in die Situation als auch in der Art und Weise wie ich an diese  „neuen“  Menschen herantrete. Der Fluch der dabei mitschwingt,  ist allerdings, dass man sich Stimmungen „einhandelt“ für die man nicht verantwortlich ist. Damit meine ich z.B. dass man einem Kunden, in einem Moment von höchster Anspannungs-, Stress- oder Konfliktsituation, begegnet – und diese „Wucht“ körperlich aufnimmt und diese zu seinem eigenen Gefühl werden lässt. Es gibt leider kein Gegenmittel um sich vor diesen Gefühlen zu schützen. Wie gesagt – es kann auch ein Segen sein, da die Hochsensibilität einem in die Lage versetzt, solche Situationen z.B. hervorragend durch sein Verhalten und Zutun zu deeskalieren.“
  • Im Außendienst ist man selten an fixe Arbeitszeiten gebunden.  Oft arbeitet man mehr als in einem geregelten Bürojob. Wie sind Sie mit Ihrer Zeit umgegangen und was können Sie Außendienst MitarbeiterInnen in einer ähnlichen Lage empfehlen, um auf die eigene Resilienz zu achten?
„Diese Frage habe ich indirekt schon beantwortet. Ich sage jetzt einen Satz, der bereits inflationär verwendet wird: „Sich abgrenzen“, ist die wichtigste Herausforderung. Dieser Appell liest sich leichter als er tatsächlich gelebt werden kann. Doch es funktioniert – ganz sicher! Sie sollten allerdings nicht warten bis sie am Boden mit dem Gesicht nach unten liegen um aus dem Leid zu lernen, sondern idealerweise vorher. Nein-Sagen, Handy abdrehen, sich und seine Kräfte abschätzen/einteilen lernen und sich klar und deutlich im Unternehmen zu positionieren sind die wichtigsten „Schutzfaktoren“.  Ich habe immer gesagt, ich komme lieber 5 Minuten später zum Kunden als geplant – aber ich komme an! Damit meine ich das gestresste Autofahren. Es ist wichtig die innere Gelassenheit zu entwickeln, dass es einfach Situationen gibt, die man nicht beeinflussen kann – dazu zählen Stausituationen die nicht absehbar sind, Wetterbedingungen und andere Zufälle die oftmals dazu führen, dass man unter Zeitdruck gerät. Im Zeitalter von Handy und Co. ist keine Affäre mehr von unterwegs anzurufen, dass man später kommt. Ich habe mir bei langen Anreisen entsprechende Pufferzeiten eingeplant um in Ruhe und ohne Druck anzukommen. Es kam nicht selten vor, dass ich bis zu sieben Stunden anreisen musste und erst dann begann mein eigentlicher Arbeitstag bis in die Nacht hinein. Ich war auch als Trainerin tätig, da gab es keinen Tag der unter 14 Stunden endete. Das Wichtigste ist, sich Ruhezeiten zu schaffen – und wenn es auch „nur“ 10 Minuten sind. Es kam schon mal vor, dass ich mich während großer Promotions in meiner Mittagszeit in mein Auto in der Tiefgarage zurückzog, Musik hörte, die Augen schloss um für wenige Minuten einfach alleine zu sein. Mein Auto war so etwas wie mein fahrendes Wohnzimmer. Ich sorgte stets für alle Eventualitäten (z.B. Ausstattung im Falle eines Unwetters – bequeme Schuhe, Jacke, Decke, usw.), das gab mir das Gefühl von Sicherheit – ein wichtiger Aspekt für Hochsensible.“  
  • Da Sie in ganz Österreich tätig waren, werden Sie wahrscheinlich viele Nächte in Hotels verbracht haben. Hat sich dieser Umstand  auf Ihr Wohlbefinden ausgewirkt und wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?
„Das Hotel war das Um und Auf für mich. Ich bewundere Menschen die mit einer gewissen „Gleichgültigkeit“ (Gelassenheit) gewisse Faktoren entweder gar nicht wahrnehmen oder einfach souverän ignorieren. Als Hochsensible war bereits der Geruch des Wassers der Region in der ich war ein „Thema“. Ja – Wasser riecht unterschiedlich! Der „Super-Gau“ war ein chlorierter Geruch der darin gipfelte, dass die Handtücher im Hotel diesen speziellen Großwäscherei-Geruch hatten und die Feuchtigkeit des Wassers auf der Haut nicht aufnahmen. So mancher würde jetzt vielleicht in Versuchung kommen, ein dezentes „Vogerl“ anzudeuten, doch wer selber hochsensibel ist, weiß genau was ich meine. Alte Matratzen, harte Kopfpolster, ungelüftete Zimmer, dünne Decken, klimatisierte Räume ohne zu öffnende Fenster, usw. usw. das alles sind „Stressfaktoren“. Ich erzähle Ihnen jetzt ein Geheimnis, ich habe in den großen Hotels die stark klimatisiert waren, oft mit einer Haube geschlafen (auch im Sommer), da ich durch den ständigen Luftzug am nächsten Morgen stets mit Kopfschmerzen aufgewacht bin. Umso länger unser Gespräch dauert desto eher stelle ich mir die Frage wie ich das  nur überleben konnte (lacht). „
  • Gibt es Situationen in dem Sie ihre Hochsensibilität als Vorteil betrachtet haben und wenn Ja, welche?
„Ich betrachte meine Hochsensibilität grundsätzlich als Vorteil! Das wichtigste dabei ist, dass die Menschen die mit einem zusammenleben/zusammenarbeiten das auch wissen (schmunzelt), weil sonst so manche „Anwandlung“ als „hysterisch“ eingestuft werden könnte. Ich habe mir die „Diva“ eingehandelt (lacht) weil es eben so viele Faktoren gibt, die mich beeinflussen. Ich gehe z.B. in keine Speiselokale wo es nach Küche riecht bzw. ich nach dem Aufenthalt rieche, als wäre ich in der Küche gesessen. Es reicht ein Blick den ich meinem Mann zuwerfe und er dreht sofort um, er hinterfragt es nicht – er versteht es.“
  • Mit welchen Situationen konnten Sie in Ihrem Beruf überhaupt nicht  umgehen?
„Jetzt im Nachhinein weiß ich erst, dass ich im Grunde elf Jahre lang schlecht geschlafen habe. Der exponierte und unruhige Schlaf hat mich am meisten belastet. Der größte Widerspruch der zwischen meinem Temperament und meiner Hochsensibilität besteht, ist die Tatsache, dass ich einerseits einen Pionier- und Forschergeist  habe (Unbekanntes zieht mich an) und gleichzeitig liebe ich alles Vertraute.“
  • Welchen Grundsätzen sollten Unternehmen folgen, um ein Höchstmaß an Arbeitszufriedenheit von hochsensiblen Mitarbeitern im Außendienst zu erreichen?
„Respekt vor der Privatsphäre und dem damit verbundenen Bedürfnis nach Rückzug.“
  • Frau S, ich danke Ihnen für dieses Gespräch
„Vielen Dank – es hat mir große Freude bereitet!“

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